Gespräch mit dem Kind II: Pläne

Das Kind macht Pläne: "Wenn wir in der Schule Fasching feiern, geh ich als Corona-Kämpfer!"
Ich denke: "Hoffentlich wird es überhaupt Faschingsfeiern geben" und sage: "wie sieht denn ein Corona-Kämpfer aus?"
Das Kind bekommt leuchtende Augen: "Der hat eine Maske und Handschuhe, einen Schutzanzug und ein Laserschwert!
Ich denke: "Wenn das Klinikpersonal das wüsste..." und sage: "und mit dem Schwert bekämpft er das Virus dann?"
"Ja. Ist ja ein Laserschwert! Corona-Kämpfer können das." Das Kind ist überzeugt. Felsenfest.
Ich staune über das Vertrauen und denke an das alte Gebet: "... fürchte ich kein Unglück. Dein Stecken und Stab trösten mich..." Und sehne mich nach dem guten Hirten. Und dem guten Ausgang. "...werde ich bleiben in DEINEM Hause, immerdar"
Corona-Kämpfer können das. Angst vertreiben. Und gute Hirten auch. So Gott will.
Ich freue mich über das Kind.

Antje Grambow

 

 


Gespräch mit dem Kind I: Tagebuch

Das Kind stöhnt: "Ich muss noch Corona-Tagebuch schreiben... für Deutsch..."
Ich denke: "Hätte ich auch keine Lust zu..." und sage: "Ach, das ist doch kein Problem! Zusammen fällt uns schon was ein!"
"Was denn? Passiert ja nix!"
"Naja, zum Beispiel haben wir Ostergeschenke gebastelt"
"Das schreib ich nicht, voll peinlich."
Ich denke: "Hat Dir aber Spaß gemacht!" und sage "Ok. Dann schreib doch: Wir haben Crêpes gebacken."
"So was schreibt man doch nicht!"
Ich denke: "Es hat uns so sehr geschmeckt, dass wir nicht aufhören wollten" und sage langsam etwas genervt: "Na gut, dann schreib halt, dass ich um 12 Uhr zum Beten rüber in die Kirche gegangen bin."
"Ok" Das Kind schreibt.
Ich staune. Basteln und Backen - alles peinlich. Aber Beten?! Beten geht. Jedenfalls für das Corona-Tagebuch. Beten ist einen Eintrag wert. Ist ok. Weil es passt? Weil Mütter das eben machen?
Ich denke an "Wachet und betet". An den Garten in der Nacht. An meine Angst in dieser Zeit.
Und freue mich über das Kind.

Antje Grambow


Ostern – ein trotziges Fest

Wenn man sich auf die alten Bänke in St. Gertrud setzt, knarzen sie leise. Wie ein Seufzen klingt es im Moment: „Keiner da?“, scheinen sie zu fragen. Drei Wochen bleiben die Reihen nun schon leer - und auch zu Ostern können wir keine Gottesdienste feiern. Das Corona-Virus gibt uns selbst zu den Festtagen keine Auszeit. Das, was uns als christliche Gemeinde zu allererst ausmacht, ist leider nicht wie gewohnt möglich: Zusammen im Dunkel der Kirche erst eine, dann immer mehr Kerzen anzünden, in den leisen Gesang immer lauter einstimmen: „Halleluja! Der Herr ist auferstanden!“ Nicht wie sonst können wir Brot, Wein und Hoffnung miteinander teilen, uns Frieden und Gottes Segen weitergeben. Nur aus der Distanz - wie mit diesem Brief - können wir uns zuwinken und zurufen: „Fröhliche Ostern!“ 

Fröhlich? In diesen Zeiten klingt der Ostergruß wie ein frommer Wunsch, ein wenig nach: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ Doch Osterglaube bedeutet eben, beharrlich an der Hoffnung festzuhalten. „Kennt ihr diese unbeirrbaren Kinder, die wider alle Argumente immer das letzte Wort haben? So ist Ostern!“ (S. Niemeyer). Christ*innen sind echte Trotzköpfe! Sie rechnen mit mehr, als dem, was die Welt zu bieten hat. Sie versuchen, ihr Herz immer wieder vom Himmel weiten zu lassen. 

Fröhlichkeit und Lachen am Ostertag tragen schon die Frauen an Jesu Grab weiter. Nach den Tränen unter dem Kreuz am Karfreitag spüren sie eine Freude: Ihre Hoffnung ist nicht begraben, sondern lebendig, auferstanden. Tränen werden abgewischt. Die Furcht weicht. „Freut Euch mit uns!“, rufen sie den Jüngern und uns heute zu - mitten hinein in unsere Angst vor dem Virus und allem, was es durcheinander bringt. Doch Ostern will eine lebensfrohe Melodie in uns anstimmen: 

„Die Welt ist mir ein Lachen mit ihrem großen Zorn... Die Trübsal trübt mir nicht mein Herz und Angesicht“, dichtet Paul Gerhardt mitten im 30jährigen Krieg in seinem Osterlied. Im grauen Mittelalter begann auch der Brauch des Osterlachens: Geistliche erzählten Witze, gackerten wie Hühner, um die Gemeinde zum Lachen zu bringen. Dabei ging es nicht darum, jemanden aus- oder die Sorgen einfach wegzulachen. Vielmehr sollte es die Freude über die Liebe zum Ausdruck bringen, die Gott wie einen Schatz jedem im Herzen versteckt. 

Deshalb – ein Witz: „Eine Studentin jobbt im Zoo verkleidet als Orang-Utan. Sie gibt alles, klettert und schaukelt immer wilder. Plötzlich fliegt sie über den Käfig hinaus und landet mitten im Käfig des Löwen. Sie vergisst ihr Orang-Utan-Dasein und ruft lauthals um Hilfe! Da springt der Löwe auf sie zu und flüstert: „Psst, ich bin doch auch nur ein Student!“ 

Sicher, auch an Ostern wird sich das Corona-Virus nicht plötzlich als harmlos entpuppen. Die Kirchenbänke bleiben leer. Doch wir sind hier – in unseren Wohnungen und Häusern, an unseren Festern und auf Balkonen – und halten gemeinsam der Welt und der eigenen Angst unsere Osterfreude entgegen. Es klingt verrückt! Und trotzdem hören wir nicht auf, die Welt in Gottes Licht zu sehen und sagen uns weiter: 

„Halleluja! Der Herr ist auferstanden! Fröhliche Ostern!“ 

Ihr Pastoren-Team aus St. Gertrud


Karfreitag: Unter dem Schatten

scharf umrissen fallen 
die Schatten auf kargen Boden
verzerrte Balken, schwarz 
wandern wie eine Sonnenuhr
über Gesichter – tränenverschmiert, hasserfüllt
eine dunkle Silhouette
streift unaufhaltsam die Erde
seufzt lautlos „Warum?“
und flieht zur neunten Stunde 
in die Finsternis des Himmels
 
langgezogen, verschwommen fallen 
die Schatten auf den Boden meiner Zeit
wandern über Gesichter – tränenverschmiert, hasserfüllt 
stilles Seufzen streift
unaufhaltsam meine Wege 
„Warum, mein Gott?“ 
mit all meinen Fragen 
fliehe ich meiner Hoffnung entgegen 
und bete: 
beschirme mich
unter dem Schatten 
deiner Flügel

Oliver Spies


Himmel auf dem Fenstersims

Alle stehen sie am Fenster und schauen raus. Der Frühling lässt sein blaues Band... Seit Tagen treffen sie sich immer wieder auf meinem Fenstersims: Sorge, Angst und Traurigkeit – diese drei. Aber nicht nur: Auch Glaube, Liebe, Hoffnung stehen da. So nah sind sie sich lange schon nicht mehr gekommen. „Ach!“, seufzt die Sorge. Sie hält das Schweigen nie gut aus, weiß gar nicht, wo sie anfangen soll. So vieles ist unklar, müsste bedacht, gemacht und überhaupt werden. Erst als die Liebe sie an die Hand nimmt, wird die Sorge etwas ruhiger. Gemeinsam blinzeln sie in die Sonne. „Ach!“, seufzt die Sorge wieder, aber es hört sich ein wenig anders als zuvor an. 

Die Angst ist ganz in sich versunken. Kurz hat sie nach draußen, dann wieder schnell ins Handy geblickt. Sie vertieft sich gerne in Sachen. Auf Weltkarten zoomt sie sich an rote Punkte heran, vergleicht neuste Zahlen und Kurven. Sie kreist um viele Fragen: nach dem, was Morgen ist, dass es plötzlich eng werden könnte, dass... „Da!“ brüllt plötzlich die Hoffnung und die Angst schrickt auf: „Was ist passiert?“ – „Nichts!“, antwortet die Hoffnung: „Da war nur eine Taube!“ Die Angst schüttelt den Kopf, schaut aber doch kurz zum Himmel. Eine Taube sieht sie nicht. „Typisch Hoffnung“, denkt sie: „Sieht immer etwas, wo nichts ist!“ Die Hoffnung schmunzelt. Ihr entgeht nicht, dass die Angst das Handy in die Tasche steckt. 

Die Traurigkeit ist traurig. Das ist sie immer, aber gerade wird ihr es einmal wieder bewusst: Wie verletzlich das Leben ist, das eigene und das der Menschen, die einem wichtig sind. Sie spürt, dass alles manchmal gleichzeitig seine Zeit hat. Frühlingsboten und Abschied, Nähe und Einsamkeit, Lachen und Weinen. Der Glaube geht in die Knie und setzt sich neben sie. Er hat schon länger nichts mehr gesagt, aber das ist nicht ungewöhnlich. Oft meldet er sich erst spät. Die Traurigkeit lehnt sich am Glauben an, der leise zu singen beginnt: „Geh aus mein Herz und suche Freud!“

Die Sorge lächelt verschmitzt: „Das Herz hat kein Kontaktverbot!“ Die Hoffnung macht einen Knicks vor der Angst, die etwas unbeholfen ihre ersten Tanzschritte wagt. Die Liebe beginnt zu dirigieren und für einen Augenblick ist der Himmel auf meinem Fenstersims zu Gast. 

Pastor Oliver Spies